Über

‚Ich Schreib Dir Von Zuhause‘

Kultur- und Kunstszene mögen abstrakte Begrifflichkeiten sein, ihre Gestaltung und unsere Teilhabe bisher — unter ‚gewohnten‘ Gegebenheiten — immer auch herausfordernde, aber so etwas wie alltägliche ‚Normalität’. Wir sind es gewohnt, Ausstellungen zu besuchen, Kunst und Kultur zu konsumieren, zu diskutieren, darüber zu schreiben, im direkten Gespräch mit Künstler*innen zu stehen, so wie diese es ebenso, und drüber hinaus, gewohnt sind, ihre Arbeit als Broterwerb mit gesellschaftlich relevantem Mehrwert zu produzieren, zu zeigen, zu verkaufen.

Die derzeitige Situation, hervorgerufen durch die Corona-Pandemie, hat für alle Teilnehmer am Kulturleben einschneidende bis existenzielle Veränderungen mit sich gebracht.

Gestrichene oder verschobene Ausstellungen, gekürzte Ankaufs- oder Förderprogramme, fehlende Publizität, fehlende direkte Kommunikation und die häufig fehlende Wertschätzung – auch in Form finanzieller Unterstützung – durch die öffentliche Hand etwa, führen zu einer notwendigen und häufig schwierigen Neubewertung des künstlerischen Handelns als erheblichem Teil des Lebens.

Künstler*innen leben — so übertragen wie konkret — vom direkten Kontakt zum Publikum, von einer Interaktion, die die Wirkung ihrer Arbeit spürbar, erlebbar macht. Neben den finanziellen Einbußen und Herausforderungen gilt es, auch diese Fehlstelle im Denken und eventuell im Werk zu verarbeiten.

Die Aufrechterhaltung einer Kommunikation zwischen Künstler*innen und Publikum schien mir, scheint mir bis heute, eine entscheidende Maßnahme, das kulturelle Leben im möglichen Maße lebendig zu halten. Zu dieser Kommunikation gehören dabei ganz sicher die Mittel der digitalen Präsenz, aber eben auch fast schon antiquiert wirkende Wege, wie Briefe oder eben Postkarten.

Grundlage für das Projekt ‚Ich Schreib Dir Von Zuhause‘ war, neben der erwähnten Notwendigkeit einer bleibenden Kommunikation, die besondere Beschaffenheit einer vorgegeben, also bestimmten und — den Beschränkungen der Zeit folgenden — einschränkenden Projektionsfläche für Gedanken, Bilder, Impulse, Fragen etc.

Über 50 Künstler*innen, junge wie etablierte, aus Münster wie aus ganz Deutschland, haben dieser Idee folgend eine leere und an mich adressierte Postkarte erhalten, ergänzt um diesen Text:

‚Bei aller Ruhe, die uns gerade umgeben mag, ist da doch das laute Grollen der Abhängigkeiten zu vernehmen, deren seltsam zwiespältige Sicherheit wir nun in ihrer Erosion erleben.

Was bleibt und was geht, wo stehen wir und was wird kommen? 

Ich schicke eine leere, frankierte Postkarte, eine Bitte: 

ein Bild zu finden für die Fragen, die im Raum stehen, vielleicht die Frage selbst, eine Hoffnung, ein Wunsch, ein Impuls, eine Sehnsucht, ein Auftrag.

Ganz frei.’

Die zurückgesandten Karten sind Zeugnisse für die Vielfältigkeit künstlerischen Arbeitens einerseits, andererseits, und vor allem, aber auch Hinweise auf die Gedanken, die Veränderungen und Herausforderungen, denen die Beteiligten, als Abschnitt der Vielfalt, gegenüberstehen.