{"id":760,"date":"2023-01-16T18:53:20","date_gmt":"2023-01-16T17:53:20","guid":{"rendered":"https:\/\/ichschreibdirvonzuhause.art\/?page_id=760"},"modified":"2023-01-18T23:04:02","modified_gmt":"2023-01-18T22:04:02","slug":"die-texte-2023","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ichschreibdirvonzuhause.art\/?page_id=760","title":{"rendered":"Die Texte 2023"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Pr\u00e4sentation im <strong>Raumprogramm<\/strong> endet 2022\/23 (zun\u00e4chst) die Ausstellungsgeschichte von &#8218;Ich Schreib Dir Von Zuhause&#8216;. F\u00fcr den Abschluss habe ich mir von <strong>Laura Dresch<\/strong>, <strong>Jan Brandt<\/strong>, <strong>Malte van de Water<\/strong> und <strong>Verena Issel<\/strong> Texte gew\u00fcnscht, die ihre Erfahrung der vergangen Jahre im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie in die Gegenwart bringen. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dieser Raum ist ganz explizit offen, und ich w\u00fcrde mich nat\u00fcrlich auf Erweiterung und Erg\u00e4nzung von allen freuen, die mich bei dem Projekt unterst\u00fctzt haben!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hier also &#8211; mit herzlichem Dank an Laura, Jan, Malte und Verena -, die Texte bzw. Statements:<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Laura Dresch<\/h2>\n\n\n\n<p>Ich stehe an einer gro\u00dfen Kreuzung, direkt bei mir um die Ecke. Vor dem B\u00e4cker steht eine lange Schlange, eine Frau kommt mit einem gro\u00dfen Strau\u00df aus dem Blumenladen und w\u00e4hrend Busse und Bahnen lautstark und quietschend \u00fcber die schweren Kreuzungsschienen donnern, trinken ein paar M\u00e4dels flat white vor einem hippen Caf\u00e9.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich f\u00e4llt mir wieder ein wie leise und unbewegt hier alles war, mitten am Tag, unter der Woche. Damals, als alles geschlossen hatte, wir nur f\u00fcrs N\u00f6tigste rausdurften und die Fr\u00fchlings- Sommer- und Herbstluft erst durch selbstgen\u00e4hte Stoffmasken und sp\u00e4ter durch dicke wei\u00dfe FFP2-Masken gerochen haben. Es kommt mir wie ein merkw\u00fcrdiger Traum vor, eine fast verblasste Erinnerung. Ist das wirklich passiert? Habe ich meine engsten Freunde wirklich monatelang nur drau\u00dfen in der winterlichen K\u00e4lte und mit Abstand getroffen, die Luft angehalten, wenn mir jemand hustend entgegenkam und mich kaum getraut im Zug zu atmen, um blo\u00df niemanden anzustecken?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfen waren lange still, das Ordnungsamt passte auf, dass sich keine Gruppen im Park treffen und auch in der Wohnung nur der engste Kreis zusammenkam. Die meisten akzeptierten die Ma\u00dfnahmen zur Eind\u00e4mmung, Hundertausende verbrachten ihre wilden Jugendjahre zu Hause vorm Bildschirm und Angeh\u00f6rige starben alleine im Krankenhaus, weil Besuch ein zu hohes Risiko darstellte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ganze Land, die ganze Welt stand still. Au\u00dfer samstags. Das erste Mal sah ich die selbst ernannten Befreier der sogenannten Coronadiktatur am D\u00fcsseldorfer Burgplatz, mit Grundgesetz in der Hand und szenetypischen Neonazi-Tattoos auf der Haut. Ich sprach mit einem Polizisten dar\u00fcber, weil ich nicht glauben konnte, was ich sehe und was da mitten in meiner Stadt passiert. Das war zu Beginn der Pandemie und der Polizist erz\u00e4hlte mir, dass es eine geplante Aktion aus der rechten Szene sei. Ein radikaler Kreis, der schnell gr\u00f6\u00dfer wurde und Menschen mit den unterschiedlichsten Gesinnungen anzog.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Demonstrationsroute war wohl gew\u00e4hlt, einmal durch die komplette Innenstadt, \u00fcber die K\u00f6 und s\u00e4mtliche Hauptverkehrsstra\u00dfen. D\u00fcsseldorf wurde jeden Samstag lahmgelegt und w\u00e4hrend Black Lives Matter Demos aufgel\u00f6st wurden, weil angeblich Mindestabst\u00e4nde nicht eingehalten wurden, durfte der Corona-Diktatur-Mob ohne Masken dicht an dicht Aerosole austauschen, lautstark wirre Parolen verbreiten und zum Nahkampf auf dem Burgplatz aufrufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und was machen diese Menschen heute? Sie demonstrieren immer noch, in einer relativ kleinen Gruppe. Wogegen wissen sie wahrscheinlich selbst nicht so genau. Einige sind wie die Nazis des Zweiten Weltkriegs nach Paraguay ausgewandert. Aber wie viele sitzen in ihren Wohnungen, vertieft in \u201ealternative Medien\u201c, vollkommen isoliert in ihrem Weltbild, einen Umsturz planend? Der Weg aus dem rabbit hole ist weit, zu weit f\u00fcr viele.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich letztens auf einem kleinen Platz in meinem Viertel sa\u00df, kam ein \u00e4lterer Herr mit seinen beiden Hunden vorbei. Nach wenigen Smalltalkfloskeln erz\u00e4hlte er mir, was er alles aus den alternativen Medien wisse und dass die \u201eMainstreammedien\u201c alles verschweigen w\u00fcrden. Was ist mit diesem Menschen passiert? Wie kann es sein, dass billige Rattenf\u00e4ngertricks von so vielen nicht erkannt werden? Wie viele Menschen denken so und stellen den \u00f6ffentlich-rechtliche Rundfunk und unsere Demokratie in Frage? Welche Gefahr geht von ihnen aus?<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Jan Brandt<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Lieber Kai,<br \/><br \/>was hat sich in den vergangenen zwei Jahren getan, fragst du, wie hat sich mein Leben ver\u00e4ndert, nachdem ich dir die letzte Postkarte geschrieben habe. David und ich treffen uns weiterhin, aber wir spazieren nicht mehr quer durch eine menschenleere Stadt, stehen am ehemaligen Checkpoint Charlie und trinken nachts Bier vom Sp\u00e4ti. Wir gehenwieder aus. Wir sind drei-, vier-, f\u00fcnfmal geimpft. Und trotzdem sind wir vorsichtig geworden. Am Donnerstag waren wir mit Freunden beim Chinesen in Sch\u00f6neberg verabredet, im Da Jia Le, ein Hipsterchinese, der, das hatte ich untersch\u00e4tzt, auch unter der Woche sehr voll werden kann.<br \/>David hatte, wenn er nicht gerade etwas a\u00df oder trank, die Maske auf und ging eher, weil es ihm zu unheimlich wurde zwischen<br \/>all den Leuten. Ich war angeschlagen, erst am Tag zuvor aus den USA zur\u00fcckgekehrt, erk\u00e4ltet, gejetlagged, und folgte ihm bald.<br \/>Mit den anderen sa\u00df ich noch in einer Kneipe, aber als der Wirt uns ungefragt erkl\u00e4rte, f\u00fcr Russland zu sein, gingen wir nach einem<br \/>Bier wieder und schworen uns, nie wieder zu kommen. Das ist die Welt, in der wir jetzt leben. Wenigstens wissen wir jetzt, wer wo<br \/>steht, der Scheinfriede ist vorbei.<br \/>Herzliche Gr\u00fc\u00dfe<br \/>J<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Malte van de Water<\/h2>\n\n\n\n<p>Im Nachhinein verbinde ich die Corona Jahre mit einem intensiven Arbeitsprozess im Atelier. Bedingt durch den Abstand sowohl zu Freund:innen als auch zu den gewohnten Freizeitaktivit\u00e4ten. Es war eine jetzt schon kaum noch vorstellbare Entschleunigung des Alltags. Die Welt dreht sich wieder schneller. Die Pandemiebedingten \u00c4ngste und Sorgen sind weitergezogen.<br>Bilder male ich immer noch.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Verena Issel<\/h2>\n\n\n\n<p>Frei nach Houellebecq \u2014<br \/>alles ist wie immer, nur ein<br \/>bisschen schlechter.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit der Pr\u00e4sentation im Raumprogramm endet 2022\/23 (zun\u00e4chst) die Ausstellungsgeschichte von &#8218;Ich Schreib Dir Von Zuhause&#8216;. F\u00fcr den Abschluss habe ich mir von Laura Dresch, Jan Brandt, Malte van de Water und Verena Issel Texte gew\u00fcnscht, die ihre Erfahrung der vergangen Jahre im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie in die Gegenwart bringen. Dieser Raum ist ganz&hellip;<a href=\"https:\/\/ichschreibdirvonzuhause.art\/?page_id=760\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Die Texte 2023<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-760","page","type-page","status-publish","hentry"],"jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ichschreibdirvonzuhause.art\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/760","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/ichschreibdirvonzuhause.art\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/ichschreibdirvonzuhause.art\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ichschreibdirvonzuhause.art\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ichschreibdirvonzuhause.art\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=760"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/ichschreibdirvonzuhause.art\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/760\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":768,"href":"https:\/\/ichschreibdirvonzuhause.art\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/760\/revisions\/768"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ichschreibdirvonzuhause.art\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=760"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}